Häufig höre ich, dass deutsche Ingenieure an mehrstündigen Verhandlungen oder Meetings teilnehmen, ohne zu verstehen, worüber eigentlich gesprochen wird. Wenn ich dann nachfrage, was Sinn der Reise war, wird mir berichtet, dass der „China-Mann“ sprich der chinesische Vertreter vor Ort das Einfliegen eingefordert hätte. „Und wo war Ihr Dolmetscher?“ frage ich dann. „Das ist unser Vertreter vor Ort.“ „Soeben haben Sie mir doch erzählt, dass Sie mehrere Stunden nichts verstanden hätten?“ „Das geht schon klar….“, haben mir einige versichert. Gegen so viel Zeit- und Geldverschwendung hätte ich was!
Für mich ist es naheliegend, dass der lokale Vertreter nur kurz übersetzt – vor allemden Anfang und den Schluss der Besprechung. Die Arbeit als Dolmetscher wird als Degradierung gesehen – auch von Seiten des Kunden! Der Stellenwert der Dolmetscher-Kaste ist niedrig, auch wenn es ohne sie nicht geht. Wer jedoch als Stellvertreter der deutschen Seite fungiert, muss auf Augenhöhe mit Kunde und Lieferant sein. Ein Dolmetscher ist das nicht! Entsprechend weigern sich Vertreter immer wieder, zu dolmetschen, denn damit werden sie später nicht mehr als adäquater Gesprächspartner wahrgenommen.
Was bringt aber Ihre Zeit und Expertise vor Ort, wenn Sie nichts verstehen bzw. ohne dass Sie Teil des Gesprächs sind? Oder anders gefragt: Haben Sie je eine chinesische Delegation in Deutschland ohne eigenen Dolmetscher erlebt? Oder haben Sie erlebt, dass dieser Chinese kein einziges Wort, das gesprochen wird, übersetzt und die Chinesen über 2 Stunden dasitzen, ohne etwas zu verstehen?
Den Chinesen wäre diese sinnlos verschwendete Zeit schlichtweg zu teuer! Wieso sparen wir dann am falschen Ende?
Setzen Sie keinen Dolmetscher ein, werden Sie sich immer auf dem einfachsten sprachlichen Niveau treffen. Das mag auf Arbeiterebene akzeptabel sein, aber nicht, wenn es um Ihre Marktposition in China geht!
Aber aufgepasst: nicht jeder Dolmetscher kann dolmetschen. Dolmetschen ist – leider – nicht kinderleicht, v.a. nicht, wenn komplexe Zusammenhänge, technische Details richtig und spontan rübergebracht werden sollen. Das hat z.B. auch der ehemalige Präsident der USA, Clinton erfahren müssen. Als er den chinesischen Staatspräsidenten mit seiner Frau empfing, wollte er höflich sein und ein Kompliment aussprechen. Deshalb sagte er zu Jiang Zemin: „Ihre Frau ist sehr schön.“ Daraufhin fragte der Staatspräsident: „nali, nali?“ was übersetzt bedeutet: „Woher denn! Woher denn!“ und in China eine bescheidene Antwort auf ein Kompliment ist. Der Dolmetscher übersetzte allerdings: „Wo denn, wo denn?“ Was Clinton in Verlegenheit brachte. Dennoch sagte er dann: „Überall, überall.“ Und darauf wusste der irritierte Jiang Zemin nur eisig zu lächeln.
Tags:
Chinesisch,
Degradierung,
Dolmetscher,
Sprache,
Verhandlung