Ich finde es spannend, wie unsere eigene Kultur immer wieder unsere Wahrnehmung in jeglicher Hinsicht beeinflusst. Das „Entweder-Oder-Denken“ der Deutschen führt oft zur Diskussion, ob China Geschäftspartner oder Konkurrent ist. Ich bin von der chinesischen Yin-Yang-Version überzeugt: China ist beides gleichzeitig!
Um sich China als Partner zu erobern, muss man einiges investieren:
- erstens Zeit
- zweitens attraktive Projekte und Produkte
An Zeit mangelt es aber den meisten „Westlern“ beträchtlich. Am liebsten würden sie morgens reinfliegen und abends wieder raus. Natürlich mit unterzeichneten Verträgen! Diese „Hetze“ führt u.a. dazu, dass westliche Geschäftspartner immer wieder auf die Nase fallen. Bei uns wird dann berichtet, dass Chinesen einmal mehr jemanden „über den Tisch gezogen“ haben. Ich sehe es eher so, dass sich das ausländische Unternehmen keine Zeit genommen hat, sondern zu schnell ins Business einsteigen wollte.
Ein gutes Beispiel habe ich gerade von einer chinesischen Freundin erhalten. Sie sucht die Lieferanten für ihr europäisches Unternehmen aus. Die Prämisse ist: nur die Nummer 1 kommt für uns in Frage. Dafür hat sie sich sehr viel Zeit genommen, sorgfältig recherchiert, entsprechende Partner mehrmals besucht und interviewt, um sich ein umfassendes Bild zu machen.
Als sich das Unternehmen endlich auf die Nummer 1 unter den Lieferanten geeinigt hatte, kam kurz darauf eine Mail aus Europa. Man sei davon ausgegangen, dass sorgfältig recherchiert worden wäre. Heute hätte man eine Email von einem Spitzenunternehmen in China erhalten, das offenbar nicht in die engere Auswahl gekommen sei. Wie das zu erklären sei?
In der Tat war der Text des Direkt-Bewerbers wunderbar: perfektes Englisch, Superlative über den ganzen Text verteilt. Nur keine Details wie Gründungsdatum, Umsatz, etc. Meine Freundin rief sofort an, um dabei herauszufinden, dass das Unternehmen erst vor kurzem gegründet wurde. Die Chefin wollte sich weder auf eine Umsatzzahl noch Produktionsdaten festlegen. Dann stellte sich heraus, dass sie einander kennen, denn diese Chefin war die frühere Finanzdirektorin des von ihr ausgewählten Lieferanten Nummer 1.
Sie stellte die Situation – typisch Chinesisch – in sehr freundlichen Worten gegenüber der Zentrale klar. Ich hätte mein europäisches Pendant sehrwahrscheinlich in klaren Worten gefragt, ob er lieber irgendwelchen Emails aus China traut oder lieber seiner eigenen Mannschaft in China.
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